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Correspondence between Alexander von Humboldt and Friedrich Wilhelm Bessel. (Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Friedrich Wilhelm Bessel.) (German) Zbl 0803.01036
Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung. 10. Berlin: Akademie Verlag. 248 S. (1994).
“Ich weiß nur zu gut, daß es ein Glanzpunkt meines viel bewegten Lebens ist, Ihr Wohlwollen erlangt zu haben, drei Männern wie Lagrange, Laplace und Ihnen so nahe getreten zu sein. Von den beiden hingeschiedenen, hochbegabten war leider keiner gemüthlich, und Würde des Characters hatte nur Lagrange. Ich freue mich der Liebe dessen, der Wärme und Würde mit den anderen Gaben vereinigt.” Dies schrieb Alexander von Humboldt (1769-1859), der weitgereiste Naturforscher, am 28. Juni 1839 (im Brief 61 der vorliegenden Edition) an Friedrich Wilhelm Bessel (1784-1846), den führenden Astronomen jener Zeit. Obwohl Bessel mehr den “exakten” Naturwissenschaften (Astronomie, Geodäsie und Mathematik), Humboldt dagegen den “beschreibenden” Naturwissenschaften (Geowissenschaften) zugewandt war, entstand zwischen beiden Forschern von 1828 an ein freundschaftlicher Briefwechsel (der mit Bessels Tod endete). Die 52 überlieferten Briefe Humboldts an Bessel (aus dem Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften) und 27 erhaltenen Briefe Bessels an Humboldt (größtenteils aus der Staatsbibliothek Berlin) werden im vorliegenden Band erstmals zusammenhängend, so vollständig wie die Überlieferung es gestattet, weitgehend nach den bekannten Editionsgrundsätzen der Schriftenreihe “Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung”, editiert. (In dieser Schriftenreihe sind bereits die Korrespondenzen Humboldts mit den Mathematikern Gauß [K.-R. Biermann (ed.), Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss (1977; Zbl 0334.01018)], Dirichlet [K.-R. Biermann (ed.), Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und P. G. L. Dirichlet (1982; Zbl 0492.01005)] und Jacobi [H. Pieper (ed.), Briefwechsel zwischen Alexander von Humboldt und C. G. J. Jacobi (1987; Zbl 0642.01019)] erschienen.)
In der Einleitung reflektiert der Herausgeber zunächst das Leben und Wirken Bessels (das Leben und Wirken Humboldts wird als bekannt vorausgesetzt), streift dann die wichtigsten Themen des Briefwechsels, stellt Persönlichkeit und Wesen beider Briefschreiber vergleichend gegenüber und beantwortet die Frage, “wie diese so unterschiedlich veranlagten und in so verschiedenen Welten lebenden Partner zu Freunden wurden” (S. 20). Tabellarisch werden danach Daten im Leben von Humboldt und Bessel angegeben. Es folgt das chronologische Briefverzeichnis. Der sehr knapp kommentierte Briefwechsel umfaßt (inkl. Anmerkungen) 180 Seiten. Der Anhang enthält ein Abkürzungs- und Siglenverzeichnis, die Übersetzungen fremdsprachiger Textstellen, das Quellen- und Literaturverzeichnis, das Personenverzeichnis und ein Glossar (mit Erklärungen vorwiegend astronomischer Termini). Ein Sachverzeichnis, das die wichtigsten Fakten, Themen, Probleme, Institutionen etc. nennt, über die in den Briefen etwas ausgesagt wird, fehlt leider. Inhaltlich dominieren im Briefwechsel astronomische und geowissenschaftliche Themen, sowie die Frage der Popularisierung der Astronomie. Mathematische Probleme spielen fast keine Rolle. Einmal jedoch hat Bessel begeistert von einem Resultat des jungen Norwegers Abel berichtet. Er schrieb am 25. Dezember 1828 (Brief 11): “Abel ... hat in dem letzten Heft von Crelle eine Abhandlung gegeben, welche mir fast das Wichtigste zu sein scheint, was in reiner Analyse neuerlich geleistet worden ist.” Es handelt sich um die Arbeit “Remarques sur quelques propriétés générales d’une certaine sorte de fonctions transcendantes” im Crelleschen Journal, Bd. 3, 313-323, in der Abel einen Spezialfall des berühmten Abelschen Theorems für hyperelliptische Integrale behandelt (nicht jedoch um die vom Herausgeber angeführte Abelsche Abhandlung von 1826). Bessel zitierte Abels Hauptsatz und schrieb: “... er muß so reich an Anwendungen aller Art sein, daß angenommen werden kann, daß er ein neues Feld der Integralrechnung eröffnet. Betrachtungen dieser Art sind Abeln ganz eigentümlich. Er ist ein herrlicher Mensch!” Auch über andere Mathematiker jener Zeit, wie Lagrange, Laplace, Dirichlet, Poinsot, Richelot, Jacobi u.a. finden sich in den Briefen Äußerungen. Daß Humboldt (nicht nur) den Mathematiker Jacobi mehrfach unterstützt hat, ist bekannt. Daß Humboldt auch bei Jacobis gewünschter Übersiedlung von Königsberg nach Berlin vermittelnd eine Rolle spielte, dabei aber seine Bemühungen gleichzeitig Erman, dem Schwiegersohn Bessels, galten, den Humboldt als Akademiemitglied in Berlin wählen lassen wollte (was wegen Jacobis in Aussicht genommener Übersiedlung nach Berlin nicht möglich war: “Elections-Drama”, S. 200), ist der Korrespondenz zwischen Humboldt und Bessel zu entnehmen (Briefe 82, 84, 85, 91, 98). Wer an der Wissenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Interesse hat, sollte es nicht versäumen, den nun endlich – dem Verlag und dem Herausgeber sei gedankt – gedruckt vorliegenden Briefwechsel zu lesen. Er wird es vorwiegend mit Vergnügen und Gewinn tun.
Reviewer: H.Pieper (Berlin)
MSC:
01A75 Collected or selected works; reprintings or translations of classics
01A55 History of mathematics in the 19th century
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