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Gesammelte Werke. Band I: Mysterium cosmographicum. De Stella nova. Herausgegeben von M. Caspar. (German) JFM 64.0013.02

XV + 492 S. München, C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung (1938).
Es mag vielleicht dem einen oder anderen zunächst zweifelhaft gewesen sein, ob das kostspielige Unternehmen einer Gesamtausgabe der Werke Johann Keplers im Originaltext heute zu rechtfertigen ist. Das Erscheinen der Astronomia nova (s. vorstehendes Referat), konnte dieses Bedenken wohl nicht ganz zerstreuen. Denn einmal erwies sich dieses Werk als besonders schwer lesbar, zudem besaßen wir von M. Caspar bereits eine ausgezeichnete Übersetzung (“Neue Astronomie”, 1929; JFM 55.0603.*). Der an zweiter Stelle ausgegebene Bd. I der Werke dürfte nun aber bei allen, die der Geschichte der Mathematik Beachtung schenken, große Freude und aufrichtigen Dank auslösen und sie endgültig von der Notwendigkeit dieser Ausgabe überzeugen, mit der eine Ehrenpflicht des deutschen Volkes erfüllt wird.
Der vorliegende Band enthält Keplers Jugendwerk “Mysterium Cosmographicum” (1596), die Schrift “De stella nova” (1606) und den kurzen deutschen “Bericht vom Neuen Stern” (1604). In einem Nachbericht gibt der Herausgeber zu jeder Schrift die Entstehungsgeschichte einschließlich einer Aufzählung der auf sie bezüglichen Briefe, ferner sehr geschickte, auf bedeutsame Stellen hinweisende Inhaltsangaben, schließlich in einzelnen Anmerkungen Ergänzungen zu den von Kepler oft unvollständig gebrachten Zitaten sowie Erläuterungen besonders schwieriger Stellen. Wenn auch der Leser noch nicht sofort in den vollen Genuß dieser Hinweise kommt, weil die Briefe oder auch andere angezogene Schriften vorläufig noch nicht erschienen sind, so wird er dennoch diese Leistung des Herausgebers zu würdigen wissen, die einen einzigartigen Überblick über Keplers gesamtes Schaffen und Denken verrät.
Dem Leser, der sich ernsthaft um Keplers Text bemüht, eröffnen sich Einblicke in Keplers Denken und den Geist seiner Zeit, die nur das Original gewähren kann. Denn beim Lesen einer nicht zeitgenössischen Übersetzung tauchen wir nicht unmittelbar in die Vergangenheit ein, sondern erfahren nur, wie sich diese im Hirn eines Menschen einer anderen Zeit spiegelt.
Was für Überraschungen der neue Band birgt, sei an einem Abschnitt der Schrift De stella nova belegt, die niemals übersetzt und nur einmal (von Ch. Frisch, Joannis Kepleri Opera omnia vol. II, Francofurti et Erlangae 1859) nachgedruckt worden ist. Sie enthält keineswegs nur astrologische Ausführungen. Auch der Mathematiker kommt im XXI. Kapitel reichlich auf seine Kosten. Dort wird erörtert, ob die Nova, aus unendlicher Ferne kommend, sich dem Sonnensystem stark genähert habe und alsbald wieder in den Weltenraum hinaus über alle Grenzen hinweg ihre Bahn gezogen sei. Kepler lehnt diesen Gedanken scharf ab. Er ist, wenn er auch das kopernikanische System anerkennt, in seinem Denken noch ganz der griechischen Mathematik und Ästhetik verhaftet. Die ganzzahligen pythagoräischen Tonintervalle, die greifbaren regulären platonischen Körper, das sind für ihn Symbole einer göttlichen Ordnung. Ob die Erde oder die Sonne “ruht”, das ändert für Kepler nichts an der Vorstellung, daß sich beide Körper in oder nahe am Mittelpunkt der gewaltig, aber endlich gedachten Fixsternsphäre befinden. Ja, es ist für ihn ein mathematisch-ästhetisches Problem, den Radius dieser Weltkugel zu bestimmen. Die Fixsternsphäre ist sein festes Bezugssystem. Wörtlich sagt er (S. 234): “Die Vollkommenheit der Welt zeigt sich in ihrer Bewegung, die gleichsam ihr Leben ist. Zur Bewegung wird Dreierlei erfordert: die bewegende Kraft, ein bewegter Körper und ein Bezugssystem. Die Sonne ist der Sitz der bewegenden Kraft, Merkur bis Saturn bilden die bewegten Massen, auf die Fixsternsphäre wird die Bewegung bezogen.” Die Welt ist also für Kepler endlich und begrenzt. Es ist für ihn somit unmöglich, daß die Nova aus unendlicher Ferne gekommen sein kann.
Nicht alle Zeitgenossen dachten so. Giordano Bruno hat, wie Keplers Ausführungen zu entnehmen ist (S. 253), eine Forderung aufgestellt, die bei schärferer Formulierung auf das kosmologische Prinzip von E. A. Milne unserer Tage hinausläuft. Einem Bewohner eines fernen Fixsternes sollte die Welt ganz so wie von unserem irdischen Standpunkt aus erscheinen. Kepler faßt diesen Gedanken nicht, er empfindet einen geheimen Schauder davor. Zur göttlichen Ordnung gehört nach seinem Begriff eine ausgeprägte Symmetrie. Wie sollte man aber in einer unendlichen Welt die Mitte finden, da jeder Punkt als Mittelpunkt gelten könnte? “Eine unendliche Maßzahl ist undenkbar”, so ruft er aus (S. 257). Das ist scharfsinnig, aber ganz griechisch gedacht. Kepler ist ein Mann des Umbruchs. Die Leitlinien seines Weltbildes lieferten ihm theologische, ja mystische Überlegungen. Die griechische Geometrie benutzte er als Handwerkszeug zur Ausarbeitung von Einzelzügen. Dazu aber kommt als wesentlich neues Element das Bestreben, die Natur durch fleißisgs Beobachten zu enträtseln. Auch dafür finden wir in der Schrift De stella nova Belege. Durch korrespondierende Beobachtungen stellt Kepler fest, daß die Nova keine erkennbare Parallaxe besitzt. Damit beweist er eindeutig, daß sie sich auch in der Zeit ihres höchsten Glanzes in einer größeren Entfernung von der Erde befunden haben muß als die Sonne (Kap. XV). Durch solche auf Beobachtungen gegründete Schlüsse zeigt sich Kepler als Bahnbrecher einer neuen Zeit der Naturwissenschaften.
Es konnte hier nur gleichsam an einer Kostprobe vorgeführt werden, welche Leckerbissen die Schrift De stella nova birgt. Das Werk dürfte in neuerer Zeit nur selten gelesen worden sein. Daraus läßt sich erkennen, wie dankbar man sein kann, die Arbeit jetzt gewissermaßen neu geschenkt zu erhalten. Nicht minder trifft das auf das Mysterium Cosmographicum zu, wenn auch von dieser Untersuchung unter dem Titel “Das Weltgeheimnis” bereits eine deutsche Übersetzung von M. Caspar vorhanden ist (Augsburg 1923, neue Ausgabe München und Berlin 1936; F. d. M. 62\(_{\text{II}}\)).
Der vorliegende Band der Keplerschen Werke zeigt in Papier und Druck die gleiche vorzügliche Ausstattung, die man schon von der Astronomia nova her kennt. Einen besonderen Schmuck bildet ein Portrait Keplers nach einem zeitgenössischen Stich von Jacob von Heyden. Alles ist der Größe der Aufgabe angemessen, eine wohl für Jahrhunderte bestimmte Ausgabe der Werke dieses echt deutschen Denkers zu schaffen. Dem Fortgang des Unternehmens sieht man mit Spannung entgegen.

Citations:

JFM 55.0603.*